Der Reichackerkopf- Spurensuche 3.Tag

Mein letztes Frühstück an der Fecht
Mein letztes Frühstück an der Fecht
Stacheldraht
Stacheldraht

An meinem letzten Tag im Elsass habe ich zwei Ziele, und zwar das noch weniger erschlossene Schlachtfeld zwischen Gaschney und Reichackerkopf und auf der Rückfahrt mache ich Station auf dem Mont St.Odile, dem heiligen Berg des Elsass, dem Ziel meiner Fahrradpilgertour im April. Damit schließt sich ein Jahreskreis am Ende dieser Reise.

Nach einem guten französischen Frühstück und sehr angenehmen Gesprächen mit meinen elsässischen Gastgebern mache ich mich auf den Weg. Der Himmel ist erneut klar und die Sonne klettert langsam über die Kammhöhen...

Ein paar Abschiedsfotos von meiner Bergpension an der Grande Fecht

Frontlazarett in Mittlach
Frontlazarett in Mittlach

In der Nähe des kleinen Ortes Mittlach verlief die Grenze 1915 und Mittlach war der erste und einzige Ort im Münstertal den die Franzosen relativ früh und dauerhaft zurückerobern konnten. Hier errichteten sie einen Front Lazarett wenige Kilometer hinter den Kampflinien. Das Gebäude steht heute noch und in den Kellerräumen des heutigen Rathauses kann man sich noch die alten Einrichtungen und Wandbeschriftungen anschauen. Man hat es zum Museum gemacht, ein wahrhaft kleines Museum aber eben doch eines von der Sorte die zurecht existieren! 

Gerade mal 2 km von Mittlach entfernt und auf dem Weg nach Metzeral entdecke ich einen weiteren großen französischen Soldatenfriedhof: 'Le Cimitière du Chène Millet' - benannt nach einer bemerkenswert alten Eiche, die ein bretonischer Künstler hier einst verewigte. Nebenan liegen nun an die 3000 identifizierte und nich mehr unbekannte französische Soldaten. Überwiegend ' Poilus', wie sie im Volksmund genannt werden, also einfache Solaten. 

Ich gehe wie es meine Angewohnheit geworden ist durch die endlos wirkenden Reihen und entziffere Namen, vergleiche die Sterbedaten. Auffällig viele starben Ende Mai und etliche sogar schon ab Februar Das spricht für Soldaten, die auf eben dem Schlachtfeldxstarben, das ichvgleich anschauen werde: dem "Sattel" oder auch "Reichackerkopf".

Von hier aus blickt man auf die Höhenlagen, die so hart umkämpft waren, heute schöne bewaldete Kuppen und Kämme. Diese Soldaren haben diesen idyllischen Ort gänzlich anders erlebt und hier sind sie gestorben. Mein heutiges Ziel packt mich jetzt schon von hier unten im Tal.


Necropole Metzeral
Necropole Metzeral
Reichackerkopf bombardiert
Reichackerkopf bombardiert

Am Reichackerkopf hatten die deutschen einige Befestigungen hart erkämpft, die sie im Jahre 1915 lange und unter hohen Verlusten mehrfach verloren und zurückgewannen. Die Franzosen begannen ihre Offensive am "Sattel", einem kleinen Pass, der auf Karten heute kaum ins Auge fällt. Es gibt im Tal auch noch keine wirkliche Beschilderung  für dieses Schlachtfeld, was sich aber bald ändern sollte: einige Historiker haben hier bereits vor Ort sehr gute Informationstafeln angebracht und in Munster kann man eine Broschüre zum Reichackerkopf mit 3 Rundwanderungen bekommen, den 'Circuit historique'. Dazu zusammengestellte Informationen zu den verbliebenen Ruinen. Dennoch muss man etwas Fantasie mitbringen: der schöne dichte Wald war damals weggebombt, die Erde von Laufgräben und Mauern zerfurcht.

Die alten Fotos helfen dabei und als ich dann von Muhlbach an aufwärts am Sattel auf ca. 700m angekommen bin und an einer alten Ferienpension einen Parkplatz gefunden habe kann es auch schon losgehen. 

Ich starte an der Infotafel und begebe mich auf die Rundtour auf den Reichackerkopf wo die Kampfhandlungen am stärksten waren. Spuren der deutschen Befestigung (1.Linie) begegnen mir recht bald. Durch die Anlage der Wanderwege nach den Keiegen und die Demontage des Betons sind die Bunker teilweise verschüttet oder abgebaut worden. Aufgrund des eher kleinen Kopfes konnte aber wohl au h nicht allzu viel Beton verbaut werden....

Über das meiste hat sich Moos gezogen, der Wald integriert alles.

Zweimal stehe ich an Gedenkkreuzen für französische Offiziere, deren Gebeine/Plakette noch Jahrzehnte nach dem Krieg gefunden wurden und damit die Angehörigen 1975 bzw  1983 Klarheit bekommen haben über das Schicksal ihrer Vorfahren im Krieg.

Der letzte Fund dieser Art war hier angeblich im Jahr 2004. Mit diesen Informationen gehe ich nochmals anders über die sehr wild geführten Waldwege  die quasi direkt im Schlachtfeld verlaufen. Hier war es- HIER! Oft halte ich inne, lausche auf die Vögel und lenke mich durch die schiere Schönheit der Natur für einen Monent lang ab .. Dann weiter durchs Dickicht u d um die Ecke lauert ein weiterer Bunker....

Deutsche Schützenstellung am Reichackerkopf 1915
Deutsche Schützenstellung am Reichackerkopf 1915
Bunker verschüttet
Bunker verschüttet

Entlang dieser Entdeckungstour tauchen immer wieder verschüttete Unterstäne und Bunker auf,  ich mei e au h noch die typischen Kraterlandschaften im Wald zu erkennen, die natürlich h nie zugeschüttet wurde- wer sollte so etwas warum auch tun? Also hat sich die Natur eine Herausforderung daraus gemacht alles so wie es liegen blieb zu überwachsen. Gegen Ende der Runde sieht man die Reste der französischen Angriffslinie....

Französische Stellungslinie am Reichackerkopf
Französische Stellungslinie am Reichackerkopf
Mauerreste eines Schutzwalls
Mauerreste eines Schutzwalls

Die Franzosen mussten sich an die Höhe herankämpfen, von der permanenter Dauerbeschuss von 25kg-Geschossen herabkam.

Der Wald war bald verschwunden u d diexGräben Boten keinen ausreichenden Schutz. Hier ist ein Stück einer Mauer erhalten, die auf französischer Seite Schutz bieten sollte. Fast völlig von Moos begrünt erkennt man noch die Schießscharten und sieht die Zieleinstellung. Ein Laufgrabensystem durchzieht den Waldabschnitt. Mehr ist nicht erhalten. Schaut man sich das Foto von nach dem Krieg an wundert man sich, dass überhaupt noch etwas überdauert hat....

Am Ausgangspunkt des Sattel stehen zwei historische französische Gedenkstelen. Deutsches historisches Gedenken sucht man hier natürlich vergebens, aber ich habe noch ein weiteres Ziel in dieser Talhöhe im Blick, das hierzu passt. 

Jetzt genieße ich die nebenan gelegene Alm und mache meine Brotzeit. Es ist äußerst angenehm und sonnig, der Wald ist eher herbstlich und nach dem Wintermarsch zum Hohneck gestern kommt es mir jetzt fast wie Frühling vor. 

Rast am Sattelkopf
Rast am Sattelkopf
Reichackerkopf
Reichackerkopf
Mittagspause
Mittagspause
Cimetière allemand de Breitenbach
Cimetière allemand de Breitenbach

In den Karten ganz klein gedruckt und nicht besonders auffällig ausgeschildert ist ein ganz besonderer Ort auf der dem Reichackerkopf gegenüberliegenden Seite des Tals  der deutsche Soldatenfriedhof Breitenbach.

Auch hier muss man gut 600m aufwärts in den Wald fahren bis man in ruhiger Randlage mut Blick in ein Seitentalabschnitt diesen stillen Ort findet. Er ist nicht wie Baerenstall vom Wald umgeben, sondern er ragt aus dem Wald heraus, mit seiner grünen Wiese und dem Moosboden scheint er zu leuchten. Und der Ausblick....

Eine Besonderheit hier ist, dass neben den gefallenen Soldaten des 1 Weltkrieges auch die des 2 Weltkrieges liegen. Ab einer gewissen Höhe beginnen neben den Toten von 1915 übergangslos die von 1944.

Spontan kommt mir das unpassend vor. Wie kann man an diesem Ort so etwas vermengen? Ist es das gleiche Gedenken? Aus einer Perspektive, die weit genug entfernt ist macht es evtl. keinen Unterschied  - Aus einer Kriegsgräberperspektive sind deutsche Soldaten nun einmal deutsche Soldaten. Die Heimat sollte sie gleichermaßen ehren. Das verstehe ich. Dennoch kämpften und starben die Kanoniere, Wehrmänner, Grenadiere, Feldwebel, Musketiere usw.des Jahres 1915 doch für einen ganz anderen Staat, eine andere Politik und in einer anderen Zeit. Würde man gefallene US-Soldaten des 1.Weltkrieges neben ihren Landsleuten am Omaha Beach bestatten? 

Auch wenn der Vergleich hinkt- im Kern sehe ich hier in Breitenbach eher eine pragmatische Lösung, keine ideelle Vermischung zweier Aufarbeitungen. U d ja- das merkwürdige Gefühl bleibt    

Ich beschließe mich auf meinen Schwerpunkt zu konzentrieren und gehe diexLinuen ab, spreche Namen aus und bewundere einmal mehr die schlichte und enorme Schönheit dieser Orte. Viele der hier liegenden überwiegend süddeutschen Soldaten- ist am Reichackerkopf und am Libgekopf gefallen. Für einen Moment frage ich mich ob es vorstellbar wäre die französischen Soldaten der Necropole von Metzeral mit den deutschen Soldaten von hier auf einem gemeinsamen Friedhof zusammen zu betten. Im Tod waren sie schon damals keine Feinde mehr und nun sind d ihre Vaterländer es auch nicht mehr. 

In der heutigen Losung steht ein starkes Wort aus Jakobus 3:"Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften."



Gaschney und Sattelkopf
Gaschney und Sattelkopf
Rückkehr zum Mont St.Odile
Rückkehr zum Mont St.Odile

Erst im April bin ich hierher gepilgert , nun verabschiede ich mich erneut aus dem Elsass nach einem ganz anderen Urlaub. Der Odikienberg ist für mich ein Fixpunkt geworden, einer dieser Orte, die eine starke Bedeutung haben und wie ein Schwamm etwas von mir aufgesogen haben/konserviert haben.

Die starken Eindrücke diesesyUrlaubs wirken noch nach auf der Fahrt hier hoch während in der Rheinebene alles im Nebel verschwindet. Ich fahre quasi durch eine graue Wolke- keine Vogesen mehr zu sehen. Soll das der Abschied sein?

Doch als ich die Serpentinen zum Klosterberg hochfahre lichtet sich der Nebel und oben ist der strahlend klare Himmel im Begriff den Sonnenuntergang zu inszenieren. Wie symbolisch, denke ich mir noch und stehe plötzlich im Klostereingang....

Über dem Nebelmeer an der Engelskapelle
Über dem Nebelmeer an der Engelskapelle
Sonnenuntergang
Sonnenuntergang
Geöffnete Tränenkapelle
Geöffnete Tränenkapelle
Eingang des Klosters
Eingang des Klosters
Sonnuntergang St Odile
Sonnuntergang St Odile

Dieser Ort hat etwas magisches: alle Leute flüstern als die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und der Mond erscheint neben der Odilienstatue als wäre er dorthin bestellt.

Die Laternen schimmern gelblich während alles dunkler wird und aus der Tränenkapelle fällt noch ein schwacher Lichtschein. 

Ich gehe nach drinnen in den Andachrsraum: ich habe eine Kerze zu entzünden 

St.Odile au clair de lune
St.Odile au clair de lune

Nach diesen wundervollen Eindrucken zum Abschluss meiner Reise steige ich still geworden ins Auto und fahre die dunklen Serpentinen ins Tal hinab, dann auf die Landstraße, die Route National und vorbei an Strasbourg über Wissembourg nach Deutschland. Der Nebel stört mich nicht mehr. 

Willkommen zu Hause
Willkommen zu Hause

Home sweet home ❤

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