Musik im Gottesdienst- Teil 1

„Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich“ (Martin Luther)

 

 

In diesem Punkt sind sich wohl viele mit Luther im Wesentlichen einig. Mindestens den ersten Satz kann ich noch heute so unterschreiben. Bereits in der Bibel strotzt es nur so von Liedern (man denke nur an die Psalmen), früh in der kirchlichen Entwicklung des Mittelalters tritt der Gregorianische Choral auf um die Anbetung zu unterstützen. Kunstvolle Entwicklung zunächst der Vokalmusik, später auch der Instrumentalmusik führten dies fort. Aber immer auch war dies begleitet vom Streit der Kirche/Gemeinde um die "richtige" oder dogmatisch gesprochen "rechtgläubige" Musik. Ob dies die vielstimmigen Motetten der 'Ars Nova' (14.Jh.) betraf, die "weltliches" mit einbrachten (und darauf gar vom Papst verboten wurden) oder der Streit der Calvinisten im 16.Jh. um das Verbot der Orgel im Gottesdienst (da nur die menschliche Stimme würdig zum Gotteslob sei) bis etwa hin zur harschen Kritik des Rats der Stadt Leipzig am "inkorrigiblen" Kantor Bach und seiner unpassenden, "opernhaften" Musik im Gottesdienst. Es ist gewiss ein eigenes Forschungsthema, wollte man das Ringen um die angemessene Musik im Gottesdienst während der 2 verflossenen Jahrtausende Kirchengeschichte untersuchen um letzten Endes doch nur heraus zu finden, dass es sich aufgrund allzu menschlicher Präferenzen, Geschmäcker oder Empfindlichkeiten, theologischer Behauptungen sowie schlicht qualitativer Erwartungen um ein wahres Minenfeld handeln musste bzw. muss. Gottes Gabe ist nämlich wie seine Geschöpfe: vielfältig und bunt.

 

Um das "Richtige" vom "Falschen", das "Angemessene" vom "Störenden" zu trennen, sind Kategorien entstanden und es ist gewiss mehr als grob, wenn ich diesen Prozess hier einmal stark vereinfache, aber für diesen Fokus muss das genügen: Die oberste "Kategorie", die hier entstand ist die der "Kirchenmusik". Was also nicht Kirchenmusik i.d.S. ist, gehöre auch nicht in den Gottesdienst, so die daraus resultierende Vorstellung. Es mag hier noch zahlreiche Unterkategorien geben, die ich aber heute übergehe. Für unsere Beobachtung, nämlich der "Musik im Gottesdienst" ist jetzt interessant, inwiefern diese grundsätzlich "Kirchenmusik" sein muss/soll. Und da versagen heute die alten Kategorien sichtlich. Drei Beispiele:

1.) Wir spielen mit dem Streicherensemble nach der Predigt die "Air" aus der Orchestersuite Nr.3 von J.S.Bach.

2.) Zum Familiengottesdienst spielt Saxophon und Klavier das "Hallelujah" von Leonard Cohen

3.) Als "Postludium" rockt die Jugendband ein "Your love never fails"

 

Welcher Beitrag davon ist "Kirchenmusik"? Bachs Air - bekannt und beliebt- stammt aus einer Tanzsuite, die er für den Fürstenhof in Köthen schrieb: Kirchenmusik? Nein!  Leonard Cohens Song, den wohl jeder mitsingen kann, verwendet immerhin jüdische/biblische Personen/Situationen, hat aber mit einem "liturgischen" Hallelujah etwa soviel gemein wie  Ray Charles "Hallelujah I love her so". Liturgie? Choral? Nein! Der Worship-Song schließlich kann als zeitgenössischer Psalm, als Gebet gesungen werden und wäre damit der alten Kategorie nach am ehesten "Kirchenmusik". Da er aber ein groovender Popsong ist und mit Band gespielt wird, scheint er wiederum manchen, die keine inhaltlichen Aspekte heranziehen sondern eher "stilistische" wiederum nicht als "Kirchenmusik" durchzugehen. Alle drei Beispiele stammen aus meiner gottesdienstlichen Realität und könnten beliebig erweitert werden.

Ich persönlich habe mich daher vom Begriff der "Kirchenmusik" wie er früher gültig war verabschiedet. Akzeptabel wäre er nur, wenn er schlicht alle Musik meint, die im Gottesdienst erklingt, und das könnte fast jede denkbare Musik sein. 

 

Über folgende Aspekte möchte ich daher nachdenken:

a) Entscheidend ist die innere Haltung/Ausrichtung des Musikers/der Gemeinde, während er/sie musiziert: der Rahmen und die Gemeinschaft unterscheidet sich einerseits von einem Konzert andererseits von einem Salon/Pub. 

b) Instrumentalmusik egal welcher Herkunft kann ebenso wie Vokalmusik "sprechen" und daher im Gottesdienst wirken

c)  Vielfalt und Kontrast als Realität positiv zu erleben sind große Gaben der Musik, die wir im Gottesdienst annehmen und verwirklichen sollten. 

d) "my utmost for his highest" ist weiterhin ein gutes Ziel für die Musik im Gottesdienst, sollte aber nicht auf die "klassische Kunstmusik" reduziert werden. Letztlich hatte Louis Armstrong recht: "Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte.Es kommt nicht darauf an was du spielst, sondern wie du spielst."

e) Im Gottesdienst sollte neben dem gemeinsamen Musizieren immer auch das Hinhören auf vorgetragene Musik eine Rolle spielen. Der "Verkündigungsaspekt" der Musik lässt hier manchmal mehr erwarten.

f) Schwierig ist nach wie vor noch die Mehrsprachigkeit. Englische Songs ebenso wie lateinische Messtexte können das Mitvollziehen im Gottesdienst hindern, wenn es keine Übersetzung für die gibt, die der Fremdsprache nicht mächtig sind. Bei uns löst dieses Problem weitgehend der gut vorbereite Einsatz des Beamers. 

g) Respekt und Geschwisterlichkeit fordern uns allen zu Zeiten einiges ab, aber nur durch sie wird Musik im Gottesdienst zu "geistlicher Musik". 

h) Eine mutige Frage zum Schluss: darf/sollte Musik im Gottesdienst neben der Auferbauung/dem Gefallen/der Anbetung auch den Aspekt der Klage/Anklage und der kritischen Frage entfalten? Damit zusammen hängt die Frage nach dem "Wohlklang" und einer provozierenden/herausfordernderen Klangsprache.

 

Es folgen weitere konkrete Ausführungen in einem späteren Blog. Ich freue mich über Resonanz, gerne auch hier. 

 

 

 

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